Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Bienengesundheit allgemein

Gesunde Bienen durch naturgemäße Bienenhaltung

Dr. Wolfgang Ritter

Um die Gesundheit von Tieren zu erhalten und sichere Lebensmittel zu produzieren, stehen neben zuverlässiger Futterversorgung und Gesundheitsschutz vor allem die Haltungsbedingungen im Fokus. Wenn sie optimal sind, werden sie je nach Hintergrund im allgemeinen Tierschutz als „tiergerecht“ bzw. „artgerecht“, von den Anthroposophen als „wesensgemäß“ und aus einem naturwissenschaftlichen Verständnis heraus auch als „naturgemäß“ bezeichnet. Man könnte die einzelnen Begriffe gegeneinander abwägen, aber im Grunde geht es immer um die elementaren Bedürfnisse und das emotionale Wohlergehen des einzelnen Tieres. Welche Bedingungen dafür im Einzelnen erfüllt werden müssen, hängt von den jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnissen ab.

Die Bedürfnisse der Bienen erfahren

Wie weit man sich bei der Haltung von Nutztieren von diesen Vorgaben entfernt, wird wesentlich von der Größe und Ausrichtung des Betriebes bestimmt. Nicht zuletzt werden die Grenzen durch den Verbraucher und dessen Bereitschaft einen bestimmten Preis zu zahlen gesetzt. Das ist bei Bienen und Honig nicht anders. Auch Imker müssen darüber nachdenken, inwieweit die eigene Betriebsweise naturgemäß ist oder ob man sich bereits auf dem Weg zu einer intensiven oder sogar industrialisierten Bienenhaltung befindet. Auch wenn niemand das Rad zurückdrehen kann und will, müssen wir selbst in kleinen Betrieben manche Vorgehensweise kritisch überdenken.

Während es bei Säugetieren noch relativ einfach fällt, herauszufinden, ob sie sich wohl fühlen, haben wir bei Insekten Probleme; denn ihr Verhalten und ihre Ausdruckweise entsprechen ganz und gar nicht dem uns vertrauten Schema. Die Größe des Tieres bzw. Volkstärke ist dabei genauso wenig aussagekräftig, wie die gern verwendete Produktionsleistung bzw. der Honigertrag. Wesentlich zielführender ist es, das Verhalten und die Bedürfnisse des Tieres unter natürlichen Bedingungen zu ermitteln; denn diese haben sich im Laufe der Evolution entwickelt und das Überleben gesichert. Beim Vergleich eines wildlebenden Bienenvolks mit der eigenen Bienenhaltung wird schnell deutlich, wo man den Bedürfnissen der Bienen nicht gerecht wird oder auch nicht gerecht werden kann.

Die Nisthöhle an die Volksstärke anpassen

Wildlebende Honigbienen bauen ihre Nester in Höhlen von Bäumen. Neben der Lage und dem Kleinklima, achtet der Schwarm bei der Auswahl vor allem auf deren Größe und bevorzugt ein Volumen von 40 Litern. Darin bildet das Volk so frühzeitig einen Schwarm, dass dieser noch ausreichende Nahrungsreserven für den Winter anlegen kann. In einer auf Wirtschaftlichkeit ausgelegten Imkerei wird das Schwärmen verhindert, da sonst ein Teil des Volkes und damit auch des Honigertrages verloren geht. Um das Schwärmen hinauszuzögern und stärkere, ertragreichere Völker zu erzielen, verwendet man größere Nesthöhlen bzw. Beuten mit Volumen von 100 und mehr Litern. Dies wirkt sich letztendlich ungünstig auf die Bienengesundheit aus; denn in großen Nestern können die Bienen schwerer die Hygiene aufrecht halten. Nur bei einer an die Nestgröße angepassten Volkstärke kann kranke Brut erkannt und ausgesondert werden. Hier kommt es bei vorübergehender Schwächung der Völker, zu schneller Erweiterung der Nester und fehlender individueller Anpassung schnell zu Gesundheitsproblemen. In der naturgemäßen Imkerei wird man es nur mit Bedacht erweitern und die Bienen möglichst selbst entscheiden lassen, ob sie es mit weiteren Waben ausdehnen wollen.

Wabenbau den Bienen überlassen

Für den Bau der Waben verbrauchen die Bienen viel Honig: bis zu 10 Kilogramm für ein Kilogramm Wachs. Früher wurden die Honigwaben ausgeschnitten und die Bienen mussten nach jeder Honigernte neue bauen. Seit dem 19. Jahrhundert kann mit der Mittelwand und beweglichen Waben in Holzrahmen die Produktion von neuem Wachs wesentlich reduziert und die Honigerträge gesteigert werden. In wiederverwendeten Wachs und Waben können aber Rückstände von Pestiziden und Bienenarzneimitteln kumulieren. Während dies die Qualität des Honigs nur in Extremfällen beeinträchtigt, ist die Gesundheit der in einer kontaminierten Umgebung aufwachsenden Bienen gefährdet. Grundsätzlich wird daher geraten die Waben nach spätestens zwei bis drei Jahren auszutauschen und Mittelwände nur aus wenig kontaminiertem Wachs (z.B. Wachs von der Entdeckelung) herzustellen. In einer naturgemäßen Imkerei wird man den Bienen mit Naturwabenbau die Gestaltung der Waben selbst überlassen. Nur im Honigraum kann man wegen der besseren Annahme und größeren Stabilität Mittelwände verwenden.

Den Standort mit Bedacht auswählen

Während das Bienenvolk das Innere der Nisthöhle auswählen und gestalten kann, erfolgt die Entscheidung für einen bestimmten Standort nach dem Prinzip „try and error“. Ein wildlebendes Bienenvolk benötigt für seine Grundversorgung und ausreichende Wintervorräte mindestens 120 kg Nektar und 20 kg Pollen im Jahr, sonst wird es im Laufe des Winters sterben. Unter der Obhut des Menschen, legt dieser den Standort des Nestes fest und ist somit auch für die Versorgung mit Futter verantwortlich. Ein

Bienenvolk irgendwo hinzustellen und sich selbst zu überlassen oder bei der Ernte sämtliche Nahrungsvorräte zu entnehmen, ist ethisch nicht zu verantworten. Dies gilt auch für mögliche Kontaminationen aus der Umwelt, die sich auf die Bienengesundheit auswirken. In einer naturgemäßen Imkerei wird man daher Standorte mit einem ganzjährig guten Nahrungsangebot bevorzugen und die Nähe zu intensiver Landwirtschaft, Belastungen durch Straßenverkehr und Industrieanlagen vermeiden.

Reinigungsflüge ermöglichen und Abstand wahren

Aber nicht nur die Umwelt sondern auch das Kleinklima muss am Standort stimmen. Schon bei der Auswahl des Nestes achtet der Schwarm darauf, dass der Eingang nach Süden hin offen ist. Nur so kann das Bienenvolk im ausgehenden Winter rechtzeitig erfahren, ob die Außentemperatur es erlaubt auszufliegen. Für die Gesundheit der Bienen ist es von großer Bedeutung, dass sie außerhalb des Nestes abkoten können und kranke nicht zurückkehren. Nur so kann sich das Bienenvolk von Parasiten wie Nosema und Tracheenmilben befreien. In einer naturgemäßen Imkerei wird man daher ebenfalls einen nach Süden hin offenen Standort wählen. Um die Rückkehr von kranken Bienen zu erschweren, sollte man auf Bienenaufstiege und die direkte Aufstellung am Boden verzichten. Kranke Bienen können sich aber auch in Nachbarvölker verfliegen. Im Bienenhaus oder in Reihe aufgestellte Beuten bieten ebenso wie große Völkermassierungen beste Voraussetzung für die schnelle Übertragung von Krankheiten. In einer naturgemäßen Imkerei wird man die Völker einzeln oder in kleinen Gruppen aufstellen. Auf dem Stand sollten nicht mehr als 20 Völker gehalten werden und die Bienendichte in der Umgebung sollte möglichst gering sein.

Das Schwärmen fördert die Gesundheit

Das Ziel eines jeden Lebewesens ist, sich zu vermehren, um den Erhalt der eigenen Art zu sichern. Darüberhinaus sind Schwärme gesünder und vitaler, da sich die Bienen von Brut und Waben befreit haben und ein Neuanfang möglich ist. Auch das zurückbleibende Volk erfährt durch die junge Königin einen neuen Schub. Am Ende bringt die zwangsläufige

Brutunterbrechung einen deutlichen Einbruch bei der Entwicklung der Varroamilbe. Auch wenn das Schwärmen beim Imker aus wirtschaftlichen Gründen unbeliebt ist, sollte man so nah wie möglich am Schwarm arbeiten und eine Brutunterbrechung in die Betriebsweise einbauen. In einer naturgemäßen Imkerei muss man einen Kompromiss eingehen, der beiden Seiten gerecht wird: der Biene und dem Imker.

Zurück